Der Satz, nach dem ich nicht mehr sprechen konnte
Schuld und Sühne, Scham, Schwere psychische Krisen
07.09.2026
| von Beate Strassacker

Der Satz, nach dem ich nicht mehr sprechen konnte

Über eine Scham, die so groß ist, dass sie zwanzig Jahre lang schweigt

Es gibt Sätze, auf die bereitet einen keine Ausbildung vor.

Ich sitze in meiner Praxis, mir gegenüber ein junger Mann. Sympathisch, klar, extra aus der Gegend von Hamburg angereist. Am Telefon war von einem Burnout die Rede, von dringend gebrauchter Unterstützung. Und dann sagt er mir, warum er wirklich gekommen ist.

Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil sie erschüttert. Ich erzähle sie, weil sie eine Frage stellt, die in der Therapie selten laut gestellt wird: Wer darf eigentlich Hilfe bekommen?

„Ich schäme mich so… und ich weiß nicht, wie ich aufhören soll"

Mir blieb fast das Herz stehen. Der Mund wurde trocken, ich konnte kaum schlucken, irgendwie hing dicker Nebel in meinem Kopf. Wie konnte er mich mit einem einzigen Satz so aus meiner Mitte bringen?

Als ich wieder sprechen kann, bedanke ich mich bei ihm. Dafür, dass er so ehrlich ist. Und ich sage ihm, dass ich Zeit brauche, um diese Botschaft wenigstens ansatzweise einordnen zu können.

Wir schweigen. Ich hole uns Wasser. Dieser erste Satz war wohl für uns beide furchtbar anstrengend.

Dann bitte ich ihn, mir seine Geschichte zu erzählen.

Wie ein Kind lernt, dass Unrecht normal ist

Er war sieben, als sein Vater ihn zum ersten Mal mit zur Arbeit nahm. Der Vater war Heimerziehungspfleger. Was dort geschah, sah für das Kind nicht falsch aus – es sah aus wie das, was der Vater tat. Und ein angepasstes Kind will nichts lieber, als dem Vater zu beweisen, dass es ein guter Sohn ist.

Dazu kam der Satz, der solche Geschichten zusammenhält: Das bleibt unser Geheimnis. Auch das machte ihn damals stolz. Er teilte etwas mit dem geliebten Vater.

Zweifel kamen erst lange nach der Pubertät. Alle anderen Jungs standen auf Mädchen… er nicht. Er beschreibt es als vages Unbehagen, immer wieder leicht wegzuwischen.

Erst jetzt, Mitte 20, fing es immer wieder an, in seinem Inneren zu brodeln, er spürte sich wie zerrissen, nach außen ein liebevoller „Ziehvater“ für seine Heimkinder, innerlich immer noch von dem starken Drang nach mehr körperlicher Nähe, Intimitäten, … es wurde immer mehr zur Folter…dieser Zwiespalt… natürlich wusste er inzwischen, dass es eine schwere Straftat war und kein Kavaliersdelikt, aber die langjährige Gewöhnung an dieses „Vergnügen“, diese gutgläubigen Kinder zu verführen, ließ ihn nicht los…mit dem Suchtcharakter wie bei einer Heroin Sucht.

Dann hat der junge Mann mit sich gerungen und sich bei uns angemeldet.

Das mit dem Burnout sei nicht geschwindelt, doch die Überlastung sei nicht beruflich, sondern von der Qual in seinem Inneren… er sei froh, dass es jetzt „raus“ ist…

Wir schweigen lange zusammen...

Warum ich ihn nicht weggeschickt habe

Was danach geschah, ist der Teil, den ich am liebsten weglassen würde. Nicht, weil er schlimm ist. Weil er unbequem ist für alle, die eine einfache Antwort erwarten.

Ich habe ihn nicht weggeschickt.

Das Erste, worüber wir gesprochen haben, war nicht seine Schuld. Es war die Frage, wie er die Kinder aus seiner Reichweite bringt – sofort, nicht irgendwann. Alles andere kam danach. Möglich war das nur, weil er im Raum saß. Nicht obwohl ich ihn behandelt habe, sondern weil ich es getan habe.

Ich weiß, was viele an dieser Stelle denken. Ich habe es selbst gedacht, in den Minuten, in denen mir die Worte fehlten.

Aber wer sich stellt, muss irgendwo ankommen können. Ein Mensch, der zwanzig Jahre schweigt, schweigt nicht, weil er nicht leidet. Er schweigt, weil er genau weiß, dass ihn niemand hören will. Und solange alle Türen zu sind, hört auch nichts auf. Es geht dann einfach weiter – nur unsichtbar.

Genau darum gibt es Angebote, zu denen Menschen mit solchen Impulsen kommen können, bevor etwas passiert. Sie funktionieren nur unter einer Bedingung: dass jemand zuhört, ohne die Tür zuzuwerfen. Das ist keine Milde. Das ist der einzige Weg, auf dem Kinder tatsächlich geschützt werden.

Ob ich in dieser Stunde alles richtig gemacht habe, weiß ich bis heute nicht. Ich weiß nur, was passiert wäre, wenn ich zurückgewichen wäre: gar nichts.

Fazit

  • Schuld und Scham ist keine Nebenwirkung. Sie ist oft der Grund, warum jemand zwanzig Jahre lang schweigt.
  • Wer nicht sprechen kann, hört auch nicht auf. Schweigen schützt niemanden – am wenigsten die Betroffenen.
  • Ein Kind kann lernen, dass Unrecht normal ist, wenn der Mensch es vorlebt, dem es am meisten vertraut.
  • Verstehen ist nicht entschuldigen. Beides gleichzeitig auszuhalten, ist die eigentliche therapeutische Arbeit.
  • Hilfe zu bekommen ist kein Freispruch. Es ist die Voraussetzung dafür, dass sich überhaupt etwas ändert.
  • Auch Therapeutinnen geraten aus ihrer Mitte. Das gehört dazu und darf gesagt werden.

Wenn Sie einen Satz mit sich herumtragen

Es gibt Sätze, die man jahrelang mit sich trägt, weil man sicher ist, dass sie niemand hören will. Manchmal stimmt das. Manchmal ist es nur die Angst.

Wenn Sie einen solchen Satz kennen – über sich, über jemanden, den Sie lieben – dann finden Sie bei mir einen Raum, in dem er ausgesprochen werden darf. Was danach kommt, klären wir gemeinsam.


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Beate Strassacker

Psychotherapeutische Heilpraktikerin

Praxis für Psychotherapie (nach HeilprG)

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E-Mail: mail@beate-strassacker.de

Beate Strassacker ist Heilpraktikerin für Psychotherapie – mit über dreißig Jahren therapeutischer Erfahrung. Sie verbindet Transaktionsanalyse, EMDR, systemische Arbeit und traumasensible Beratung mit provokativen Elementen, die sie beim Begründer der Provokativen Therapie gelernt hat. Besonderes Interesse gilt den Themen, über die Menschen selten offen sprechen: Schuld, Scham, Selbstverurteilung – und die Frage, wie Verzeihen gelingt, auch sich selbst gegenüber. Sie praktiziert in Stuttgart und ist Teil der Tabuthemen-Therapeuten. → Mehr über Beate Strassacker
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