
Zwei Menschen können dieselben Beschwerden haben – und trotzdem völlig unterschiedlich darunter leiden. Der eine kämpft gegen den Schmerz an, der andere richtet sein Leben still um ihn herum ein. In vielen Jahren an der Seite von Schmerzpatienten habe ich immer wieder beobachtet: Der Unterschied liegt oft nicht im Körper, sondern im Umgang mit dem Schmerz. Daraus sind sechs Muster entstanden, die ich „Schmerztypen“ nenne. Wichtig ist mir dabei eines: Das sind keine Schubladen. Eher ist es wie ein Mischpult – alle Anteile sind in uns vorhanden, mal steht der eine lauter im Vordergrund, mal der andere. Und genau dieses Zusammenspiel entscheidet oft mit darüber, ob ein Schmerz wieder geht – oder bleibt.
Am Anfang reagieren die meisten Menschen aktiv. Der Kämpfer will den Schmerz überwinden. Nach einer Überlastung, einer falschen Bewegung oder einem Sturz lautet seine innere Haltung: „Das geht schon wieder.“ Er bleibt in Bewegung und übergeht die Warnsignale seines Körpers. Das ist zunächst nicht einmal falsch – problematisch wird es erst, wenn der Schmerz bleibt und die Reaktion dieselbe bleibt.
Der Funktionierer geht einen leiseren Weg. Er nimmt den Schmerz durchaus wahr, ordnet ihn aber seinem Alltag unter. Arbeit, Familie, Verpflichtungen – alles läuft weiter, der Schmerz wird einfach mitgetragen. „Ich muss eben funktionieren“ ist der Satz, den ich hier am häufigsten höre. Nach außen wirkt das stabil. Im Inneren aber sendet der Körper weiter seine Signale – und wird dabei beständig übergangen.
Hält der Schmerz an, verändert sich der Umgang mit ihm. Der Erdulder arrangiert sich. Der Schmerz wird nicht mehr bekämpft und nicht mehr hinterfragt, sondern getragen: „Das ist eben so. Andere haben es schlechter.“ Solche Menschen wirken oft bewundernswert belastbar. Und doch gilt aus meiner Erfahrung: Was dauerhaft nur ausgehalten wird, verändert sich selten – gerade weil es nicht mehr infrage gestellt wird.
Der Analytiker wählt den entgegengesetzten Weg: Er sucht. Woher kommt das? Was habe ich noch nicht ausprobiert? Viele durchlaufen zahlreiche Untersuchungen, Diagnosen und Therapieversuche. Die Hoffnung dahinter ist verständlich – ist die Ursache erst gefunden, verschwindet auch der Schmerz. Nur beobachte ich häufig: Es wird vieles verstanden, aber wenig verändert sich. Denn der Körper reagiert nicht allein auf Erkenntnis, sondern vor allem auf einen veränderten Umgang. So verschieden Aushalten und Analysieren wirken – beide führen oft zum selben Ergebnis: Der Schmerz bleibt.
Der Sinnsucher fragt nicht nach der Diagnose, sondern nach der Bedeutung: Warum trifft es mich? Was will mir dieser Schmerz sagen? Habe ich etwas falsch gemacht? Solche Fragen können den Blick weiten. Sie werden zum Problem, wenn aus der Suche eine Selbstanklage wird und der Schmerz als Strafe erlebt wird. Mir ist wichtig, das klar zu sagen: Chronischer Schmerz entsteht fast immer aus einem Zusammenspiel körperlicher, seelischer und sozialer Faktoren. Er ist keine Strafe und kein Beweis für persönliches Versagen.
Der Vermeider schließlich hält Abstand – von bestimmten Bewegungen, von belastenden Gesprächen, von Themen, die unangenehm werden könnten. Kurzfristig funktioniert das oft. Langfristig aber bleiben die eigentlichen Ursachen unberührt. Dabei ist Vermeidung zunächst eine kluge Schutzreaktion: Wenn etwas Angst macht oder schmerzt, möchten wir Abstand gewinnen – das ist zutiefst menschlich. Der Weg führt hier nicht über Druck, sondern über einen geschützten Rahmen, in dem sich das Vermiedene behutsam anschauen lässt.
Am Ende ist keiner dieser Typen ein Urteil – und niemand ist nur einer davon. Das Mischpult ist ein Spiegel, keine Schublade:
Wissen allein verändert selten etwas – oft braucht es neue Erfahrungen. Ein erster, ganz unaufwendiger Schritt kann sein, den eigenen Umgang mit Schmerz einmal genauer anzuschauen.
Wenn Sie mögen, laden Sie sich dazu den kostenlosen Selbsttest „Welcher Schmerztyp bin ich?“ herunter – keine Diagnose, nur ein Spiegel für Ihr persönliches Schmerz-Mischpult. Und vielleicht mit einer ungewohnten Frage im Hinterkopf: Was wäre, wenn mein Schmerz nicht das eigentliche Problem ist – sondern Teil meiner bisherigen Lösung?