
Die meisten Menschen, die zu mir kommen, haben eine klare Vorstellung davon, was jetzt auf sie zukommt. Sie erwarten Arbeit. Etwas Mühsames, das man durchsteht, weil man es hinter sich bringen will. Viele sagen das auch offen: „Ich weiß, das wird jetzt anstrengend."
Ich habe das selbst lange geglaubt. Dass Veränderung Kraft kostet. Dass man tief graben muss, bevor sich etwas bewegt.
Inzwischen weiß ich, dass diese Erwartung Menschen häufiger aufhält, als sie ihnen hilft. Und dass die Momente, in denen sich wirklich etwas löst, oft ganz anders aussehen als gedacht.
Woher kommt diese Vorstellung? Wahrscheinlich aus Bildern, die wir alle kennen. Die Couch, die Kindheit, das lange Ringen. Therapie als etwas, das man ernst nimmt, indem man leidet.
Diese Vorstellung hat einen hohen Preis. Sie sorgt dafür, dass Menschen erst kommen, wenn es nicht mehr anders geht. Wer glaubt, ihn erwarte ein Kraftakt, wartet, bis er sich stark genug fühlt – und genau dann ist er es meistens nicht mehr.
Dabei geht es in der therapeutischen Arbeit selten darum, sich etwas abzuverlangen. Es geht darum, etwas wahrzunehmen. Das ist etwas grundlegend anderes.
Wahrnehmen kann man auch, wenn man müde ist. Man muss dafür nichts leisten, nichts vorbereiten und nichts vorzeigen.
In meiner Arbeit habe ich eine Beobachtung immer wieder gemacht: Bevor eine Methode wirkt, wirkt der Rahmen.
Menschen verändern sich, wenn sie das Gefühl haben, gerade nichts beweisen zu müssen. Wenn niemand eine Einschätzung parat hat. Wenn sie nicht die Rolle mitbringen müssen, die sie im Alltag den ganzen Tag tragen – die verlässliche, die belastbare, die vernünftige.
Was dann geschieht, hat mit Technik wenig zu tun. Jemand sagt einen Satz, den er sich vorher nie erlaubt hat. Jemand merkt beim Erzählen, dass sich seine Stimme verändert. Jemand lacht über etwas, das seit Jahren schwer war.
Ich nenne das nicht Erfolg. Ich nenne es Bewegung. Und Bewegung entsteht nicht durch Anstrengung, sondern durch Erlaubnis.
Dazu gehört auch, das scheinbar Banale ernst zu nehmen. Sehr oft ist der Satz, den jemand nebenbei fallen lässt, der eigentliche Satz des Tages. Er kommt nur deshalb heraus, weil gerade niemand darauf gewartet hat.
Manchmal genügt eine Frage, die etwas öffnet. Eine Übung, die einen anderen Blickwinkel ermöglicht. Ein Gedanke, der plötzlich weiterführt.
Das klingt bescheiden, ist es aber nicht. Ein kleiner Impuls, der zur richtigen Zeit kommt, verändert manchmal mehr als ein langer Prozess, der zur falschen Zeit beginnt.
Deshalb arbeite ich gern offen für den Augenblick. Was gerade hilfreich sein könnte, zeigt sich meistens erst im Kontakt – nicht vorher im Plan. Mal ist es ein Gespräch. Mal eine körperliche Wahrnehmung. Mal eine systemische Aufstellung, wenn ein Thema danach verlangt.
Und manchmal ist die richtige Antwort, dass etwas zunächst gar nicht bearbeitet wird. Dass ein Gefühl, eine Schwierigkeit oder ein vertrautes Muster einfach da sein darf, ohne erklärt oder sofort gelöst zu werden.
Das ist keine Bequemlichkeit. Es ist eine Haltung. Nicht alles, was schwer ist, muss schwer bearbeitet werden.
Wenn dich beim Lesen etwas berührt hat – ein Gedanke, eine Frage, ein leises Wiedererkennen – dann reicht das fürs Erste völlig aus.
Wer diese Art des Arbeitens einmal an einem ganzen Tag erleben möchte: Am 12. September 2026 findet in Meisenheim der Gehaichnistag statt, ein Tagesseminar für Begegnung und Wandel. Alles Weitere dazu steht auf der Seminarseite.
→ Gehaichnistag am 12. September 2026 in Meisenheim