Ich kann nicht malen – der Satz, den ich am häufigsten höre
Lebenskrisen
03.09.2026
| von Jessica Thannheuser-Wagner

Ich kann nicht malen – der Satz, den ich am häufigsten höre

Er kommt aus einer Kultur, die alles bewertet. Auch das, was sich gar nicht messen lässt.

In achtzehn Jahren therapeutischer Arbeit habe ich viele Sätze gehört. Einer fällt öfter als jeder andere: „Ich kann nicht malen. Und kreativ bin ich auch nicht."

Er kommt schnell. Fast entschuldigend. Als müsste man sich rechtfertigen, bevor überhaupt etwas begonnen hat.

Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass dieser Satz gar nichts über den Menschen aussagt, der ihn spricht. Er sagt etwas über uns alle. Über eine Bewertungs-Tradition, die wir mit erstaunlicher Hingabe pflegen.

Und über einen Irrtum, den fast jeder von uns irgendwann übernommen hat.

Wir haben gelernt zu bewerten – auch das Unbewertbare

Wir Menschen scheinen mit viel Hingabe zu beurteilen und zu bewerten. Uns selbst. Andere. Und das, was entsteht.

Schon in der Schule wird Kreativität mit Noten bewertet. Eine Zwei fürs Bild. Eine Vier fürs Bild. Und irgendwo dazwischen entsteht der stille Schluss: Ich gehöre nicht dazu.

Doch hier eine wichtige Information: Kreativität ist NICHT in Noten messbar.

Kunst und Kreativität sind immer eine Frage der Sichtweise auf ein Werk. Was den einen langweilt, öffnet dem anderen einen Raum. Eine Note kann das nicht abbilden. Sie hat es nie gekonnt.

Sie muss nicht schön sein. NUR frei.

Kreativität ist kein bloßes Handwerk. Sie muss nicht schön sein, NUR frei. Sie ist kein reines Abbild der Realität und kein starres Regelwerk. Sie muss nicht gefallen.

Sie kann unsere Seele auf unterschiedlichste Weise berühren und bringt uns in Kommunikation mit uns selbst und mit anderen. Sie öffnet im besten Fall Räume in uns, von deren Existenz wir nicht einmal wussten. Sie bietet uns einen neuen Blick auf uns und unsere Möglichkeiten.

Sie ist Realität, Vision, Vorstellungskraft, Spiel, Ernst, Phantasie. Sie ist eine Momentaufnahme. Eine Ausdrucksform tiefer, menschlicher Schöpfungskraft und Lebendigkeit.

Sie kann unseren tiefen, unversehrten menschlichen Kern sichtbar machen. Unser Wachstumspotential anfachen. Sie ordnet, spielt, sortiert, regt an – und kann, als wichtigsten Punkt, einfach Spaß und Freude machen. Ganz absichtslos.

Ohne sie wärst DU nicht DU

Ohne mutige Kreativität wäre der Mensch nicht der, der er ist.

Er könnte nicht gehen. Nicht sprechen. Er hätte nichts von dem, was er heute nutzt. Keine Sachgüter. Keine Wissenschaft. Und so viel mehr.

Jeder Schritt, den DU heute gegangen bist, war irgendwann eine kreative Leistung. Jedes Wort, das DU gesagt hast, auch.

Wir tragen das längst in uns. Wir haben nur gelernt, es einem anderen Wort zuzuordnen. Einem, das nach Begabung klingt. Nach Talent. Nach etwas, das man hat oder eben nicht.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • „Ich kann nicht malen" ist kein Befund, sondern eine übernommene Bewertung
  • Kreativität lässt sich nicht benoten – sie ist immer eine Frage der Sichtweise
  • Sie muss nicht schön sein und nicht gefallen. Sie muss frei sein.
  • Sie bringt uns in Kommunikation mit uns selbst und mit anderen
  • Ohne sie könnten wir weder gehen noch sprechen – sie ist keine Zusatzbegabung, sondern Grundausstattung

Ein Plädoyer

Dies ist ein Plädoyer, die Scham zu überwinden und sich einfach mal dem kreativen Tun anzuvertrauen. Völlig ohne Ergebniserwartung. Einfach um des freudvollen Tuns wegen.

Wir können nämlich doch kreativ sein, wenn wir wollen. DU auch.


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Jessica Thannheuser-Wagner
Jessica Thannheuser-Wagner
Jessica Thannheuser-Wagner ist Heilpraktikerin für Psychotherapie – mit über zehn Jahren Erfahrung in kunst- und kreativtherapeutischer Arbeit. Sie verbindet gestaltende, körperorientierte und beratende Methoden und beginnt dort, wo es noch keine Worte gibt. Besonderes Interesse gilt den Themen, über die Menschen selten offen sprechen: Trauma, Lebenskrisen, Verlust, Scham und Identität. Sie praktiziert in Eltingshausen und ist Teil der Tabuthemen-Therapeuten. → Mehr über Eugen Schippers → Mehr über Jessica Thannheuser-Wagner
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