
Er kommt aus einer Kultur, die alles bewertet. Auch das, was sich gar nicht messen lässt.
In achtzehn Jahren therapeutischer Arbeit habe ich viele Sätze gehört. Einer fällt öfter als jeder andere: „Ich kann nicht malen. Und kreativ bin ich auch nicht."
Er kommt schnell. Fast entschuldigend. Als müsste man sich rechtfertigen, bevor überhaupt etwas begonnen hat.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass dieser Satz gar nichts über den Menschen aussagt, der ihn spricht. Er sagt etwas über uns alle. Über eine Bewertungs-Tradition, die wir mit erstaunlicher Hingabe pflegen.
Und über einen Irrtum, den fast jeder von uns irgendwann übernommen hat.
Wir Menschen scheinen mit viel Hingabe zu beurteilen und zu bewerten. Uns selbst. Andere. Und das, was entsteht.
Schon in der Schule wird Kreativität mit Noten bewertet. Eine Zwei fürs Bild. Eine Vier fürs Bild. Und irgendwo dazwischen entsteht der stille Schluss: Ich gehöre nicht dazu.
Doch hier eine wichtige Information: Kreativität ist NICHT in Noten messbar.
Kunst und Kreativität sind immer eine Frage der Sichtweise auf ein Werk. Was den einen langweilt, öffnet dem anderen einen Raum. Eine Note kann das nicht abbilden. Sie hat es nie gekonnt.
Kreativität ist kein bloßes Handwerk. Sie muss nicht schön sein, NUR frei. Sie ist kein reines Abbild der Realität und kein starres Regelwerk. Sie muss nicht gefallen.
Sie kann unsere Seele auf unterschiedlichste Weise berühren und bringt uns in Kommunikation mit uns selbst und mit anderen. Sie öffnet im besten Fall Räume in uns, von deren Existenz wir nicht einmal wussten. Sie bietet uns einen neuen Blick auf uns und unsere Möglichkeiten.
Sie ist Realität, Vision, Vorstellungskraft, Spiel, Ernst, Phantasie. Sie ist eine Momentaufnahme. Eine Ausdrucksform tiefer, menschlicher Schöpfungskraft und Lebendigkeit.
Sie kann unseren tiefen, unversehrten menschlichen Kern sichtbar machen. Unser Wachstumspotential anfachen. Sie ordnet, spielt, sortiert, regt an – und kann, als wichtigsten Punkt, einfach Spaß und Freude machen. Ganz absichtslos.
Ohne mutige Kreativität wäre der Mensch nicht der, der er ist.
Er könnte nicht gehen. Nicht sprechen. Er hätte nichts von dem, was er heute nutzt. Keine Sachgüter. Keine Wissenschaft. Und so viel mehr.
Jeder Schritt, den DU heute gegangen bist, war irgendwann eine kreative Leistung. Jedes Wort, das DU gesagt hast, auch.
Wir tragen das längst in uns. Wir haben nur gelernt, es einem anderen Wort zuzuordnen. Einem, das nach Begabung klingt. Nach Talent. Nach etwas, das man hat oder eben nicht.
Dies ist ein Plädoyer, die Scham zu überwinden und sich einfach mal dem kreativen Tun anzuvertrauen. Völlig ohne Ergebniserwartung. Einfach um des freudvollen Tuns wegen.
Wir können nämlich doch kreativ sein, wenn wir wollen. DU auch.