
Trauma ist zum Modewort geworden. Auf Instagram, im Podcast, im Ratgeberregal – der Begriff ist überall. Und trotzdem sagen die Menschen, um die es eigentlich geht, nichts. Sie funktionieren im Job, sie lächeln beim Elternabend, sie kochen abends Nudeln für die Kinder. Über Trauma zu sprechen ist eben eine Sache. Über das eigene zu sprechen eine ganz andere.
Die eigentliche Arbeit findet nicht auf Bühnen statt und nicht in digitalen Kanälen. Sie findet hinter geschlossenen Türen statt, in Therapiezimmern, in stillen Momenten zu Hause. Warum das so ist – und warum es nicht an den Betroffenen liegt: darum geht es hier.
Wir sprechen heute über seelische Verletzungen wie nie zuvor. Man sollte meinen, das Tabu sei damit erledigt. Pustekuchen.
Geredet wird über das Phänomen. Geschwiegen wird über den eigenen Fall. Besonders dort, wo die Verletzung intim war: sexuelle Gewalt in der Beziehung, Missbrauch in der Familie, das, was schon die Großeltern nicht aussprechen konnten.
Drei Gründe begegnen mir in meiner Praxis immer wieder:
Und dann kommt noch etwas dazu, das mich seit Jahren ärgert.
Die Beweislast liegt bei uns immer noch beim Opfer. Nicht beim Täter.
Wer erzählt, was ihm angetan wurde, muss glaubwürdig sein. Muss Belege liefern. Muss erklären, warum er nicht früher etwas gesagt hat, warum er geblieben ist, warum er sich nicht gewehrt hat. Wer verletzt hat, muss meistens gar nichts.
Das ist verkehrt herum. Und es ist einer der Hauptgründe, warum der weitaus größte Teil sexualisierter Gewalt in Beziehungen nie angezeigt wird. Nicht weil die Taten nicht stattgefunden hätten. Sondern weil die Aussicht, sich hinterher selbst verteidigen zu müssen, unerträglich ist.
Wer das verstanden hat, versteht auch, warum Schweigen kein Defizit ist. Es ist Schutz. Und Schutz gibt man nicht auf, nur weil jemand sagt, man solle doch mal offen sein.
Vor einigen Jahren ging die Tür meiner Praxis auf, und eine Frau weit über siebzig kam herein. Sie sprach nicht. In der Hand hielt sie einen sorgfältig gefalteten Brief, den sie mir reichte. Darin stand, ihre Stimme sei vor vielen Jahren eingefroren.
Der Grund war der Tod ihrer erwachsenen Tochter, die sich das Leben genommen hatte. Der Schock war so groß, dass ihr Körper eine Mauer gebaut hat. Die Stimme war weg. Fachlich heißt das psychogene Aphonie: ein Stimmverlust ohne körperliche Ursache. Der Körper reagiert da, wo Worte nicht mehr reichen.
In den ersten Sitzungen haben wir nichts weiter getan, als Sicherheit aufzubauen. Ich arbeite seit dreißig Jahren mit Hypnose, einem Verfahren, das über den Kontakt mit dem Unbewussten an Ressourcen herankommt, die verschüttet sind. In der Hypnose konnte sie sich dem Ort des Schmerzes nähern, ohne ihn noch einmal durchleben zu müssen.
Nach einigen Sitzungen kam ihre Stimme zurück. Kein großer Moment, nichts Filmreifes. Ein leises, zögerndes Wiederfinden. Als das erste Wort kam, liefen ihr Tränen übers Gesicht – nicht vor Schmerz, sondern vor Erleichterung.
Ich erzähle das nicht, weil es immer so ausgeht. Es geht oft nicht so aus, und niemand sollte einen solchen Verlauf erwarten. Ich erzähle es, weil diese Frau fast ein halbes Leben lang geschwiegen hat, bevor sie durch diese Tür kam. Und weil sie es dann doch getan hat.
Sie müssen mit niemandem darüber sprechen. Nicht mit Ihrer Familie, nicht mit Ihren Freunden, und schon gar nicht öffentlich. Aber falls Sie das Gefühl haben, dass Sie etwas zu lange allein tragen: Es gibt Räume, in denen Sie in Ihrem Tempo anfangen dürfen. Die Tür bleibt offen, auch wenn Sie heute noch nicht hindurchgehen.