
Der Verlust eines Menschen durch Suizid hinterlässt bei Hinterbliebenen meist eine Wunde, die mit kaum einem anderen Schmerz vergleichbar ist.
Betroffene berichten von einem Scherbenhaufen. Von einem Zersplittern der Seele. Von Schock, Fassungslosigkeit, einer Zeit des vollkommenen Stillstandes. Die Welt als solche verliert für viele vollkommen an Bedeutung.
Aufstehen wird zur Herausforderung. Die grundlegenden täglichen Alltagsverrichtungen. Essen. Schlafen. Vieles mehr.
Und doch geht das Leben weiter. Atemzug für Atemzug.
Was in dieser Zeit an Gefühlen aufsteigt, erschreckt viele Betroffene zusätzlich. Denn es sind nicht nur die Gefühle, die man erwartet hätte.
Als Therapeut:innen erleben wir in der Begleitung dieser traumatischen Trauer ein hochemotionales und oft zutiefst widersprüchliches Chaos an Gefühlen. Es bringt Betroffene an den Rand ihrer Belastbarkeit.
Im Zentrum steht meist eine quälende Schuldfrage: „Hätte ich es verhindern können? Hätte ich etwas merken müssen?" Und daneben die Frage nach dem Warum: „Warum trifft dieses Schicksal mich, uns? Was haben wir getan?"
Diese Gefühle werden oft von einer intensiven Ohnmacht und Verlassensheit begleitet. Der plötzliche und gewaltsame Abbruch der Beziehung zieht den Boden unter den Füßen weg.
Es gibt keine Antwort, die diese Fragen beruhigen würde. Und trotzdem stellen sie sich immer wieder.
Neben der tiefen Trauer brechen sich in der Therapie – wenn eine gute Vertrauensbasis besteht – noch andere, oft schambehaftete Emotionen Bahn.
Zum Beispiel Wut. Es ist die Wut auf den Verstorbenen, der einen vermeintlich im Stich gelassen hat. Der sich einfach aus dem Leben geschlichen hat.
Aber auch Erleichterung kann spürbar sein. Besonders nach jahrelangem, vergeblichem Kampf gegen die Depression, die Drogensucht oder andere psychische Erkrankungen des geliebten Menschen.
Diese Erleichterung löst im nächsten Moment oft wieder massive Schuldgefühle aus. Und über beides spricht kaum jemand. Weil man glaubt, so etwas dürfe man nicht fühlen.
Aus meiner Sicht ist es von existentieller Bedeutung, das zu betonen: All diese Gefühle können und dürfen gleichzeitig nebeneinander sein.
Sie sind keine Zeichen von Schwäche oder mangelnder Liebe. Sie sind Reaktionen der Psyche auf ein unbegreifliches Ereignis.
Die Trauer nach einem Suizid ist kein linearer Prozess, sondern ein heftiges Wechselbad. Es benötigt Zeit, Geduld und wirkliche Selbstfürsorge.
Es gibt hier keinen allgemein gültigen Weg heraus. Keinen Zeitrahmen, innerhalb dessen das schnell mal überwunden und verarbeitet sein sollte. Es gibt nur individuelle Wege, die immer wieder neu entwickelt werden müssen.
Der Weg heraus aus diesem Trauerprozess beginnt dort, wo Betroffene aufhören, sich für ihre Gefühle zu verurteilen.
Es geht nicht darum, das Geschehene zu vergessen oder zu „akzeptieren". Sondern den Schmerz Schritt für Schritt in das eigene Leben zu integrieren, ohne daran zu zerbrechen.
Diesen Weg muss niemand allein gehen. Wenn DU gerade in dieser Situation bist: Es ist keine Schwäche, sich dabei begleiten zu lassen.
Trauer nach einem Suizid braucht einen Raum, in dem nichts beschönigt und nichts bewertet wird. Genau dafür sind wir da.
Die Therapeutinnen und Therapeuten der Tabuthemen-Therapeuten begleiten Menschen bei Themen, über die sonst geschwiegen wird. Ein erstes Gespräch ist unverbindlich und verpflichtet zu nichts.
Wenn es gerade nicht warten kann: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Bei akuter Gefahr wählen Sie die 112. Für Hinterbliebene nach einem Suizid gibt es zudem bundesweit Selbsthilfegruppen über AGUS e.V. – agus-selbsthilfe.de